02 03 09

Das Kunstwerk im Web 2.0-Zeitalter

Am 10. April 1964 gab der kanadische Pianist Glenn Gould in Los Angeles sein letztes Konzert. Danach beschränkte er seine künstlerische Arbeit auf das Tonstudio – ein mutiger Bruch mit der Aufführungstradition klassischer Musik. Ein Bruch aber, den Gould nicht nur aufgrund der psychischen und spieltechnischen Strapazen von Live-Konzerten wagte, sondern auch, weil sich im Studio ein anderes Niveau an künstlerischer Perfektion und eine eigene ästhetische Qualität realisieren lässt. Die Arbeit im Studio war für ihn nicht bloß ein Weg, den Anschein technischer Perfektion zu erwecken, die im Konzert kaum je erreicht wird. (Dieses Verfahren ist ja gängige Praxis bei CD-Produktionen klassischer Werke, ohne das dabei allerdings das Konzert als das wahre, authentische Medium für klassische Musik in Frage gestellt würde wie bei Gould.) Für Gould war das Studio vielmehr eine Erweiterung des Instruments selbst und bot ihm die Chance, die künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten präziser und zuverlässiger fassbar zu machen.

Auch wenn der künstlerische Rang von Goulds Einspielungen unbestritten ist, hat sich sein Ansatz nicht durchgesetzt – zumindest was das klassische Repertoire angeht. Für andere Musikstile sind die studiotechnischen Möglichkeiten freilich konstitutiv und die technologischen Innovationen die Basis für stilistische Weiterentwicklung.

Im Falle Goulds bleibt die Frage, warum sich sein Ansatz nicht durchgesetzt hat. Liegt das einfach an der reaktionären Borniertheit des Klassikbetriebs, der diesen Verstoß gegen die Aufführungstradition nicht tolerieren wollte und als Sakrileg gegen die großen Genies des 18. und 19. Jahrhunderts wertete? Oder ist die viel zitierte Aura eines Kunstwerks, die sich laut Walter Benjamin durch die technische Reproduktion verflüchtigt, doch ein unabdingbares ästhetisches Kriterium, das die klassische Musik nicht preisgeben kann ohne sich selbst preiszugeben?

Eine ähnlich gelagerte Fragestellung ergibt sich derzeit in Bezug auf das Verhältnis von klassischer Musik oder Kultur allgemein und den technologischen und rezeptiven Innovationen des Web 2.0. Und es wird eine spannende Frage werden, ob diese Innovationen allein Relevanz in Bezug auf Vertrieb und Marketing von klassischer Musik erlangen werden (dass sie diese haben ist bereits belegt durch Projekte wie das der Duisburger Philharmoniker) oder ob sich auch hier ästhetische Perspektiven öffnen und möglicherweise einen grundlegenden Fortschritt in der Kunstrezeption und -produktion (auch bei Werken des Repertoires) bedingen.

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Das Kunstwerk im Web 2.0-Zeitalter

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7 Kommentare zu “Das Kunstwerk im Web 2.0-Zeitalter”

  1. Karin Janner sagt:

    Das ist eine sehr interessante Frage, die bei den Diskussionen über Kultur/ Web 2.0 bisher wenig angesprochen wurde.

    Gibt es schon Beispiele dafür?

    Was mir dazu einfällt:

    Theater:
    Die freie Theatergruppe Antigone 2.0 aus Berlin hat in einem Wiki “Ödipedia” gemeinsam mit Internet-Usern den Text zu ihrer Inszenierung von “König Ödipus” geschrieben. Jeder konnte mitmachen (registriert oder nicht registriert), das Stück wird im April in Berlin aufgeführt.

    Fotografie:
    In diese Richtung gehen vielleicht Flickr-Projekte der Tate Gallery, wie z.B. Street and Studio , das im letzten Sommer gelaufen ist. Besucher konnten in einer Flickr-Gruppe Fotos hochladen, aus denen dann ein gemeinsames Buch gemacht wurde.
    Dort kamen die Fotos aber einfach hinein, so wie die Fotografen sie geschickt hatten, ein nächster Schritt wäre vielleicht, die Fotos in online-Zusammenarbeit zu einem Web-Kunstwerk verschmelzen zu lassen. Vielleicht gibt es so etwas ja auch schon…?

    Und kennt jemand Beispiele aus der Musik?

  2. Karin Janner sagt:

    Habe zu diesem Thema gerade einen interessanten Artikel entdeckt:
    “Was bedeutet Open Source für die Kunst?” auf Teriell Blog:
    http://teriellblog.teriell.de/2009/02/24/open-source-und-kunst/

  3. Ein Beispiel aus der der Welt der Klassik: http://www.dienievollendete.de/ .
    Dazu heisst es: “Seit Oktober steht sie im Netz, die neue Online-Plattform des KONZERTHAUS DORTMUND, mit der auch musikalische Laien sich als Komponisten betätigen können. Nun zählt die längste Komposition der Welt, »Die nie Vollendete«, bereits über 1000 Kompositionen. Die Hobby-Komponisten beweisen dabei große Kreativität in der Zusammensetzung der verfügbaren Grundmelodien und Motive. Unter Verwendung der Instrumente der »Jungen Wilden« des KONZERTHAUS DORTMUND entstehen immer neue Kompositionen, die so geheimnisvolle programmatische Titel tragen wie »Die schwarze Rose«, »Novembernebel-Nocturne« oder »Kandierte Marone«. Hinter dem Werk mit der Opus-Zahl 1000, das den Titel »Der Lauf der Zeit« trägt, verbirgt sich beispielsweise ein Stück in barockem Stil, das von Streicherklängen geprägt ist.”

  4. Christian Henner-Fehr sagt:

    Interessant ist in diesem Zusammenhang die Vienna Symphonic Library . Die Tools dieses Unternehmens erlauben einem mittlerweile, den symphonischen Klang per Computer zu produzieren. Stellt sich die Frage, welche musikalischen Fertigkeiten man heute noch braucht? Aber das ist dann Thema des Blogposts, auf das Karin verwiesen hat.

  5. [...] Neulich warf ich im Zusammenhang mit klassischer Musik die Frage auf, ob Social Media und Web 2.0 nur in Bezug auf Marketing und Vertrieb Relevanz erlangen werden oder ob es auch neue ästhetische Perspektiven eröffnen wird, die Glenn Gould sich von der modernen Studiotechnik erhofft hatte. [...]

  6. Sinja sagt:

    Das ist wirklich ein interessantes Thema – das Kunstwerk im web 2.0. Für den musikalischen Bereich würden mir u.a. auch Crowdsourcing-Projekte wie artistshare.com einfallen, wo ein Künstler ein Musikprojekt vorstellt und die User/Fangemeinde sich sozusagen in das Projekt “einkaufen” kann und es aktiv mitgestalten kann. Das würde doch auch in diesen Themenkomplex fallen, oder?

  7. Christian Henner-Fehr sagt:

    @Sinja: Crowdsourcing-Projekte würde ich in dem Fall nur dann dazu zählen, wenn die “Fans” sich inhaltlich einbringen können. Nur: was heißt, sich inhaltlich einbringen? Sind das nur banale Abstimmungen oder wird da wirkliche gemeinsam Content produziert?

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