Serie Web 2.0 im Kulturbereich - Basiswissen: Das Kunstwerk 2.0

Serie Web 2.0 im Kulturbereich - Basiswissen - Teil 11

wordle-kunstwerk20

Grafik: www.wordle.net

So, nun haben wir fast alle Einsatzgebiete des Web 2.0 im Kulturbereich durch:

Zu guter Letzt stellt sich die Frage, ob das Web 2.0 auch in der Kunst selbst Anwendung finden kann - z.B. zum gemeinsamen Schaffen von Kunst.
Im Web 2.0 verschwimmen die Grenzen zwischen Sender und Empfänger - jeder kann Sender und Empfänger zugleich sein. Was könnte das für die Kunst bedeuten?

Da Christian Holst diese Frage schon theoretisch behandelt hat

(…) es wird eine spannende Frage werden, ob diese Innovationen allein Relevanz in Bezug auf Vertrieb und Marketing von klassischer Musik erlangen werden (dass sie diese haben ist bereits belegt durch Projekte wie das der Duisburger Philharmoniker) oder ob sich auch hier ästhetische Perspektiven öffnen und möglicherweise einen grundlegenden Fortschritt in der Kunstrezeption und -produktion (auch bei Werken des Repertoires) bedingen.

(Christian Holst, “Das Kunstwerk im Web 2.0-Zeitalter”)

werde ich an dieser Stelle ein paar praktische Beispiele dazu bringen:

Theater 2.0

Die freie Theatergruppe Antigone 2.0 aus Berlin hat in einem Wiki “Ödipedia” gemeinsam mit Internet-Usern den Text zu ihrer Inszenierung von “König Ödipus” geschrieben. Jeder konnte mitmachen (registriert oder nicht registriert), das Stück wurde im April in Berlin aufgeführt.

Fotografie 2.0

Die Tate Gallery hat schon mehrere Projekte über die Fotoplattform Flickr realisiert, in die die Besucher einbezogen wurden:
z.B. Street and Studio , das im Sommer 2008 gelaufen ist. Besucher konnten ihre Fotos in eine Flickr-Gruppe stellen (über 2.500 Fotos wurden in den Street or Studio-Gruppenpool gestellt), alle Fotos wurden im Aktionszeitraum (Sommer 08) auf der Website der Tate Gallery gezeigt.  Die 100 besten kamen in ein gemeinsames Buch.

Tate Gallery, Projekt "Street or Studio", das Buch

Tate Gallery, Projekt "Street or Studio", das Buch

Ein nächster Schritt wäre, die Fotos in online-Zusammenarbeit zu einem Web-Kunstwerk verschmelzen zu lassen. Vielleicht gibt es so etwas ja auch schon…?

Klassische Musik 2.0

Ein Beispiel aus der der Welt der Klassischen Musik: http://www.dienievollendete.de.
Dazu schreibt die Neue Musikzeitung:

“Die neue Online-Plattform des Konzerthauses Dortmund, http://www.die-nie-vollendete.de, erlaubt es auch Laien, eigene Werke zu komponieren. Aus verschiedenen Grundmelodien, Instrumenten und musikalischen Motiven lassen sich individuelle Stücke kombinieren, die anschließend abgespeichert, benannt und anderen Nutzern zugänglich gemacht werden können. Den Usern stehen dabei die Instrumente der acht »Jungen Wilden« für ihre Kompositionen zur Verfügung. Diese jungen Solisten, die über drei Spielzeiten hinweg regelmäßig im KONZERTHAUS DORTMUND zu Gast sind, demonstrieren mit ihrer Begeisterung für klassische Musik, dass diese immer noch selbstverständlicher Bestandteil unserer Gegenwartskultur ist und präsentieren sich als Künstler zum Anfassen. Die große virtuelle Komponistengemeinschaft schafft ständig neue Bestandteile – die »Nie Vollendete« entwickelt sich so täglich weiter. Die Musikstücke, die nun im Netz entstehen, verbinden sich zur längsten Komposition der Welt, zu der jeder beitragen kann.”

Literatur 2.0

Über den Fortsetzungsroman «60 Grad» von Karen Wiborg hat Christian Holst hier im stART Blog schon berichtet:

“Der Roman spielt in der Zeit vom 1. Januar 2009 bis zum 1. Januar 2010, also genau in der Zeit, in der er erst entstehen soll. Auf diese Weise ist er konzeptionell offen für Vorschläge, Ideen und Kritik aus der Web 2.0-Community wie für tatsächliche Ereignisse dieses Jahres. Außerdem, auch das ist neu, bleibt die Romanheldin nicht rein fiktional, sondern gewinnt zumindest virtuelle Realität, die sie kaum unterscheidbar von anderen Web 2.0-Identitäten macht: Ich habe sie gerade bei Facebook zu meinen Freunden hinzugefügt und folge ihr bei Twitter.”

Karen Wiborg wird übrigens Ihre Erfahrungen mit  “Literatur 2.0″ auf der stART.09 in Form eines Vortrags präsentieren.

Die Kollage 2.0

Auf  polyvore kann man als eine Art künstlerische Modekollage eigene Outfits zusammenstellen.
Michael Strogies
(spursuche.de: kunst als prozess) hat darüber einen Artikel geschrieben und gleich selbst “Modekollagen” erstellt:

Bild: Michael Strogies

“Die zusammengestellten Outfits kann man dann abschicken, und in der angeschlossenen Community mit anderen Mitgliedern diskutieren. Die Software benutzt dabei alle Kleidungsstücke, die im Netz in irgendeiner Form angeboten werden. (…) Die Kollagen sehen dabei wirklich recht witzig aus, und haben teilweise schon künstlerischen Wert. Die Preise der zusammengestellten Kollektionen, die ebenfalls angezeigt werden, lassen darauf schließen, daß sich wahrscheinlich die creativen Styleberater sich diese niemals leisten können. Hier entwickeln sich also eine Art Spiegel der Träume und Wünsche der Menschen, die sich dort etwas zusammenstellen.” –> Weiterlesen und weitere Modeschöpfungen bewundern bei Michael Strogies.

Weitere Beispiele Kunst / Kultur 2.0?

–> her damit! Wir sammeln sie!

Zum Weiterlesen - Links und Literaturempfehlungen

Links:


Bücher:

New Media Art, Taschen Verlag

Zur Serie Web 2.0 im Kulturbereich - Basiswissen

Nicht alle bewegen sich selbstverständlich und souverän durch Social Networks, bloggen und nutzen Twitter für Kurznachrichten. Gerade im Kulturbereich sind vielen die neuen Begriffe noch nicht geläufig oder sie wissen nicht so recht, wozu die Werkzeuge gut sind.

(…Fast…) jeden Montag erläutere ich daher hier Grundlagen und stelle die Möglichkeiten des Web 2.0 vor.
Ich möchte Ihnen vor allem eine Vorstellung davon geben, was Sie mit dem Web 2.0 im Kulturbereich erreichen können und welche Werkzeuge Sie wofür einsetzen. Dafür wird es bald eine Menge praktischer Beispiele geben.

Haben Sie Fragen, Themenwünsche oder selbst praktische Beispiele? Literatur- oder Linktipps zum Thema? Dann schreiben Sie doch hier im Blog einen Kommentar oder benutzen Sie das Forum unserer Xing-Gruppe!

Bisher in dieser Serie veröffentlicht:

  • “Was ist das Web 2.0?”
  • Das Medium Internet -  wie unterscheidet es sich von den klassischen Kommunikationsmedien?
  • Einsatzgebiete von Web 2.0 im Kulturbereich - ein Überblick.
  • Kulturmarketing und PR im Web 2.0
  • Web 2.0 im Fundraising
  • Web 2.0 + Sponsoring / Sponsorenakquise
  • Neue Formen der Kulturfinanzierung im Web 2.0
  • Projektmanagement 2.0 und Online Collaboration (1)
  • Projektmanagement 2.0 und Online Collaboration (2)
  • Web 2.0 in der Kulturvermittlung
  • 3 Antworten auf “Serie Web 2.0 im Kulturbereich - Basiswissen: Das Kunstwerk 2.0”

    1. Michael Strogies 16 Juni 2009 at 23:09 #

      Meiner Meinung muß Kultur eine Interaktion sein. Museen haben solange funktoniert, wie sie eine gesellschaftliche Stellung haben/hatten. Konzerte genauso.

      Menschen machen in Kultur, um sich mit ihr zu schmücken. Genau das passiert auch heute, aber in anderen Bereichen.

      WEB 2.0 hat die Aufgabe, daß wieder an die Jugend heranzutragen, was den bereich klassischer Musik angeht.

      Wie kann ich einen Web2.0 User dazu bewegen, daß er stolz darauf ist , meine Musik gehört zu haben.

      Das ist die Frage.

    2. VioWorld 19 Juni 2009 at 13:55 #

      Hier noch ein schönes Beispiel zum Thema Musik 2.0:
      http://www.inbflat.net/
      Im Ergebnis finde ich dieses Projekt noch interessanter als die “Nie Vollendete”.

      Hagen Kohn

    3. Christian Henner-Fehr 19 Juni 2009 at 17:03 #

      @Hagen Kohn: das kannte ich noch nicht, danke!

      Ich darf an dieser Stelle noch auf mein Blogpost “Amateure im Web2.0″: (k)ein Konferenzbericht verweisen, in dem es um die Frage geht, inwieweit user generated content dazu beiträgt, Kunst weiter zu entwickeln (Beispiel Musikvideos) bzw. neue Perspektiven (Steve Museum) zu eröffnen.

      Die Frage ist: werden damit aus den “Amateuren” auch Künstler und wie ist deren Bezug zu den “echten” Künstlern? Lässt sich dieser Unterschied überhaupt noch aufrechterhalten?

      Schaut man sich verschiedene andere Bereiche an (z.B. Journalismus), dann müsste die Antwort darauf eigentlich lauten: nein.


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