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Fazit zur Blogparade: Kultur an der digital-realen Schnittstelle

von am 1. März 2017

Ende letzten Jahres fand die Blogparade „Kultur an der real-digitalen Schnittstelle“ statt. Wir präsentieren hier eine kurze Zusammenschau der Beiträge. Auffällig ist, dass viele Beiträge gar nicht so sehr auf technologischen Aspekte der Digitalisierung eingegangen sind, sondern eine übergeordnete Ebenen ansprechen: Wie ändern sich Rolle und Aufgabe von Kultureinrichtungen? Welche Chancen und Risiken liegen in den Entwicklungen? Wie müssen Organisationsstrukturen und Arbeitsabläufe angepasst werden? Es scheint, als mache sich in den Einrichtungen eine gewisse Katerstimmung breit: Die Accounts sind eingerichtet und laufen mehr oder weniger gut, die Euphorie ist allerdings verflogen und es wird immer deutlicher, dass Marketing und Kommunikation in der digitalen Welt ein ebenso hartes und mühsames Geschäft sind, wie in der analogen Welt. Die Arbeit bedarf hier wie da der strategischen Steuerung und Einbettung, um erfolgreich sein zu können. Mit sieben Beiträgen ist die quantitative Ausbeute der Blogparade recht überschaubar geblieben. Inhaltlich wurden allerdings ausnahmslos fundierte Beiträge beigesteuert, so dass es auf jeden Fall ein kleines E-Book geben soll, in dem die Beiträge versammelt sind. Vorerst gibt es diese Zusammenfassung, natürlich jeweils mit Link auf den vollständigen Beitrag.

Tim Sandweg, Künstlerischer Leiter der Schaubude Berlin, beschäftigt sich in seinem Beitrag mit der Frage: „Was kann eine gute digitale Schaubühne eigentlich wirken?“ Wobei die Frage zunächst ist, was eine digitale Schaubühne eigentlich ist. Da die Bühnen in technologischer Hinsicht bereits weitgehend digitalisiert sind, widmet Tim sich der Frage, was die digitale Schaubühne denn an neuen künstlerischen Möglichkeiten eröffnet. Wie ändert sich die Ästhetik, wenn digitale Medien nicht nur Verlängerungen sind, sondern zu eigenen ästhetischen Instrumenten werden? Er sieht den Künstler als Daten-Manipulateur, der eine neue Form von Werk kreieren würde. Ob sich wirklich neue Formen entwickeln lassen, kann allerdings nicht theoretisch geklärt werden, sondern nur über konkrete künstlerische Arbeit und Forschung mit den neuen digitalen Möglichkeiten.

Katrin Schuster beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Bibliotheken. Sie bricht das auf drei Faktoren herunter: Erstens wurden die Freiräume größer. Indem die Ausleihtheken im Eingangsbereich wegfielen wirkt dieser viel offener. Durch die Selbstausleihe sind aber auch Freiräume bei der Arbeit entstanden, die u.a. in vermehrte Veranstaltungsarbeit umgewidmet wurden, um den direkten Kontakt mit den Nutzern aufrecht zu erhalten. Das zielt auch auf zweitens, die Kopräsenz, hin: Bibliotheken sind in den vergangenen Jahren immer mehr zu Orten geworden, an denen man nicht nur leiht, sondern an denen man sich aufhält. Die Digitalisierung schafft Platz dafür in den Bibliotheken. Was schließlich zum dritten Punkt führt, der Teilhabe: Die Bibliothek selbst, aber auch ihre digitalen Außenstellen in Blog oder auf Facebook, werden zu Communityorten.

Sabine Haas meint, dass die Digitalisierung den Sturm auf den Elfenbeinturm Kultur mit sich bringt. Die Digitalisierung zwinge Kultureinrichtungen dazu, ihre eigene Rolle und Stellung in der Gesellschaft zu überdenken. Diesen Gedanken erläutert sie genauer anhand von fünf Thesen: Kultur muss sich am Publikum messen lassen, Kultur muss sich erklären, Kultur muss für sich werben, das Publikum will mitreden, jeder darf Kultur kritisieren.

Frank Tentler und Christian Spließ zeigen in ihrem (sehr ausführlichen) Beitrag die Entwicklung vom Web 1.0 über Social media bis zur Social Sphere nach, in der schließlich die Orte, an denen Menschen sich aufhalten, um digitale Informationen und Vernetzungsmöglichkeiten angereichert werden. So entsteht ein analog-digitaler Erlebnisraum. Frank und Christian beschreiben einerseits die technischen Voraussetzungen für diese Entwicklung, aber auch die Möglichkeiten für die Kommunikation mit Nutzern und der Nutzer untereinander. Schließlich zeigen sie anhand verschiedener, bereits existierender Cases auf, wohin die Reise gehen könnte.

Christian Holst steuert ein Interview mit Claudio Cappellari zur Blogparade bei. Cappellari ist Co-Direktor des Zürcher Jazzbclub Moods und dort verantwortlich für das Broadcasting-Angebot, das Anfang 2017 online gehen soll, ein Angebot etwa analog zur Digital Concerthall der Berliner Philharmoniker. Interessant an dem Fall des Moods ist, dass sie ihr Angebot ganz explizit auch als Geschäftsmodellinnovation verstehen. Ein Thema, das sonst eher zurückhaltend bei Kultureinrichtungen begutachtet wird.

Marco Bonks Beitrag ist die Dokumentation der ersten stARTlounge im Sommer 2016. Dort wurden von einer kleinen Gruppe von Kommunikationsprofis die Grundlagen für die Arbeit mit einem Social Web Command Center erarbeitet.

Christian Henner-Fehr fasst in seinem Beitrag die Ergebnisse aus dem World Cafe zusammen, das am stARTcamp Wien veranstaltet wurde. Im Rahmen dieses für die stARTcamps neuen Formats wurden drei Fragen diskutiert. Bei den ersten beiden Fragen galt das Motto „Wünsch dir was“: Die Teilnehmer sollten ideale Strukturen und ideale Prozesse für die digitale Kulturarbeit beschreiben. Die dritte Frage zielte darauf, wie man diesen Idealvorstellungen in der Realität näher kommen kann. Zwar wurden die ersten beiden Fragen offenbar recht ähnlich beantwortet, die Antworten auf den Flipchart-Blättern sind dennoch bezeichnend. Sie deuten darauf hin, dass es oftmals an „partners in crime“ mangelt und immer noch sehr viel Überzeugungsarbeit gegenüber anderen Abteilungen notwendig ist. Als Stichwort zur dritten Frage tauchte „Digital Governance“ auf dem Flipchart auf. Das heißt: Eine Digitalisierungstrategie zu entwickeln, ist eine integrale Aufgabe für einen Betrieb, die nicht von einzelnen Personen geleistet werden kann.

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